Gruppenfoto Hütscheroda 2005

Teilnehmer der Tagung des Arbeitskreises Kleinschmetterlinge in Hütscheroda am 1. Oktober 2005


ROLF-PETER ROMMEL, Ammern, 2005

Die historische Entwicklung der Microlepidopterologie in Thüringen

1. Einleitung

Dieser Beitrag wurde für die Herbsttagung des Thüringer Entomologenverbandes, die der 125-jährigen Wiederkehr der Gründung des Thüringer Entomologenvereins gewidmet ist, und für einen Vortrag anlässlich der Tagung des Arbeitskreises Microlepidoptera vom 28.09.2005 bis zum 01.10.2005 in Hütscheroda am Rande des Nationalparks Hainich erarbeitet. Aus zeitlichen Gründen konnte das Thema nicht umfassend bearbeitet werden, da es im Arbeitszimmer des Autors entstand und natürlich nicht die gesamte notwendige Literatur verfügbar war.
Zu den einleitenden Worten gehört unbedingt eine Erläuterung, was unter dem geographischen Begriff Thüringen, im Zeitraum von 150 Jahren zu vertehen ist, da es eine Reihe von Veränderungen im Gebietsbestand gab. Um 1850, zum Beginn der ersten faunistischen Überlieferungen, bestand Thüringen aus den Fürstentümern Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Altenburg, Sachsen Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen, Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie sowie der preußischen Provinz Sachsen (Regierungsbezirk Erfurt). Die Zugehörigkeit zu Preußen war die Folge einer Entscheidung des Reichsdeputationshauptschlusses von 1802, indem Preußen seine linksrheinischen Gebiete an Frankreich abtreten musste und dafür als Ausgleich die zum Kurfürstentum Mainz gehörenden Gebiete Erfurt und das Eichsfeld sowie die freien Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen erhielt. Nach dem verlorenen ersten Weltkrieg 1918 dankten die die Fürsten ab und aus den thüringischen Fürstentümern entstand der Freistaat Thüringen. Am 30. Novenber 1919 entschieden sich die Coburger nach Volksabstimmung sich dem Freistaat Bayern anzuschliessen. Nach dem zweiten Weltkrieg entstand das Land Thüringen neu und diesmal unter Einschluss der ehemals preußischen Gebiete. Auf Weisung des SED-Politbüros wurden 1952 die Länder in der DDR aufgelöst und aus Thüringen entstanden die Bezirke Erfurt, Gera und Suhl unter zentralistischer Verwaltung. Im Zusammenhang mit dieser neuen Gliederung wurden der Kreis Artern mit dem Kyffhäuser dem Bezirk Halle sowie die Kreise Altenburg und Schmölln dem Bezirk Leipzig zugeordnet. Nach dem Wendeereignissen 1998/90 gründete sich das Land Thüringen neu. Die Bürger der Kreise Altenburg, Schmölln und Artern entschieden sich in Abstimmung zu einer Rückkehr nach Thüringen, sodass auch der reiche Artenbestand des Kyffhäuser wieder zur Thüringer Fauna zugehörig ist.


2. Historische Entwicklung
2.1 Zeitabschnitt von 1843-1880


Die erste lokalfaunistische zusammenfassende Veröffentlischung aus Thüringen, die auch die Kleinschmetterlinge einbezieht, stammt schon aus dem Jahr 1843 von Georg Adolf KEFERSTEIN. Zusammen mit den Entomologen WERNEBURG entstand 1860 noch ein umfangreicheres Verzeichnis für die Umgebung um Erfurt. In diesem Zeitabschnitt wurden noch weitere lokalfaunistische Werke von Friedrich SCHLÄGER (1843-1847) für Jena, Ludwig MÖLLER (1854) für Mühlhausen und Ferdinad GÖBEL (1859) für Sondershausen und jeweils mit Umgebung veröffentlicht. In diese Periode kann man auch die Zusammenstellung der von Friedrich KNAPP (1877) zählen, die offensichtlich von der Beschreibung zahlreicher neuer Arten inspiriert wurden. Leider existierten von diesen Entomologen kein verwertbares Sammlungsmaterial, sodass immer Fragezeichen hinter verschiedenen Arten stehen, ob unter den damaligen Bedingungen der zur Verfügung stehenden Bestimmungsliteratur und den technischen Möglichkeiten der Mikroskopie das Tier korrekt determiniert wurde.


2.2 Zeitabschnitt von 1880-1918

Als zweite Phase kann der Zeitraum zwischen 1880 und 1918 betrachtet werden. Es gründete sich 1880 der Thüringer Entomologenverein sowie eine Reihe örtlicher Vereine (Gera 1881, Gotha 1887, Mühlhausen 1896, Ronneburg 1899 und Jena 1908). Es kam offensichtlich durch die persönliche Bekanntschaft, die sich auf den Frühjahrs- und Herbsttagungen und in der örtlichen Vereinsarbeit vollzog, zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Das flächendeckend entstandene Eisenbahn- und Postwesen trug zu einer verstärkten Kommunikation bei, sodass gemeinsame Exkursionen oder gegenseitige Besuche zustande kamen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten auch die entstandene entomologischen Fachzeitschriften, die von Einzelpersonen und den Vereinen aboniert wurden. Wilhelm MARTINI aus Sömmerda verfasste in seiner von 1916 und 1917 in zwei Teilen erschienen Verzeichnis Thüringer Schmetterlinge die Zuarbeiten von A.Frank (Erfurt), A. Habicht (Gotha), E. Krieghoff (Langewiesen), M. Lenthe (Gotha), M. Liebmann (Arnstadt), A. Petry (Nordhausen), O. Schmeideknecht (Bad Blankenburg) und J.R. Spröngerts (Artern) zusammen.


2.3 Zeitabschnitt von 1919-1945

Als dritte Periode der Erforschung der Thüringer Kleinschmetterlinge lässt sich nachbetrachtend der Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen mit der Veröffentlichung des Erfurter Lehrers Otto RAPP (1878-1953) im Jahre 1936 bezeichnen. In dem Vorwort beschreibt der zusammenfassende Bearbeiter, der selbst sich der Coleopterologie verschrieben hatte, die Zusammenhänge des Entstehens der Arbeit:
"Der 1. Beitrag zur Microlepidopteren-Fauna Thüringens enthält aus dem Zeitraum von ungefähr 60 Jahren die ungekürzten Aufzeichnungen von Professor Dr. Arthur Petry, Nordhausen, des Altmeisters der Insektenkunde der Landschaft Thüringen.
Mit bewundernswerter Sorgfalt sind in den Tagebüchern nicht nur alle eigenen Beobachtungen niedergeschrieben, sondern außerdem Notizen über die zur Bestimmung und Begutachtung vorgelegenen Falter von zahlreichen Beobachtern der Thüringer Schmetterlingsfauna festgelegt worden.
Da sich die Aufzeichnungen nicht nur auf die Verbreitung der Arten in Thüringen beschränken, sondern auch in reicher Fülle ökologische Beobachtungen (z.B. Auftreten im Jahre, beobachtete Zahl der Generationen im Jahre, Futterpflanzen, Zuchten etc.) und systematische Feststellungen enthalten, so ist die Arbeit nicht nur von Lokalinteresse, sondern hat für jeden Bedeutung, der sich mit der Gruppe der Microlepidoptera beschäftigt. Besonders sei noch auf die hohe Zahl der in Thüringen beobachteten Arten (1296 !) hingewiesen.
Zu meiner großen Freude stellten Herr Curt Beer, Erfurt, der ausgezeichnete Kenner der Mircolepidoptera unseres Erfurter Gebietes, und Herr Apothekenbesitzer Ernst Hockemeyer, Großheringen, der unermüdliche Erforscher des Gebietes um Großheringen, mir die reichen Ergebnisse langjähriger Beobachtungen zur Veröffentlichung zur Verfügung."

Die hauptsächlichen Mitarbeiter waren:

Martini, Wilhelm, geb. 14.08.1846 in Sömmerda, gest. 25.08.1913 in Bad Ems; von Beruft Kaufmann, einen Nachruf verfasste PETRY (1913), von RAPP (1936) stammt die Information, dass die Sammlung in der Schule von Sömmerda sich befinden soll, nachdem sie jahrelang bei Verwandten in Sömmerda gestanden hatte, eigene Recherchen in der Sömmerdaer Salzmann-Schule brachte kein Ergebnisse, so dass die Sammlung als verschollen gelten muss.

Frank, Adolf, geb. 22.09.1849 in Weimar, gest. 03.12.1921 in Erfurt, königlicher Eisenbahnobersekretär in Erfurt; die Sammlung der Microlepidopteren befindet sich nach D. von KNORRE (1983) im Phyletischen Museum zu Jena; eine ausführliche Darstellung zum Leben und den Sammelgebieten stammt von BÄHRMANN (2004).

J.R.Spröngerts (Foto)
Johannes Richard Spröngerts

M.Lenthe (Foto)
Max Lenthe

Prof. Dr. Arthur Petry (Foto)
Prof. Dr. Arthur Petry

Ernst Hockemeyer (Foto)
Ernst Hockemeyer

Curt Beer (Foto)
Curt Beer
Spröngerts, Johannes Richard, geb. 01.12.1853 in Rotenburg a.d.Fulda, gest 19.09.1928 in Artern, Bankdirektor in Artern; die Sammlung ist im Besitz von Frl. Auguste Spröngerts in Artern (Tochter des Verstorbenen nach RAPP (1936), in einem Bericht der Fachgruppe Halle berichtet BUSCHENDORF (1974), dass der Fachgruppenvorsitzende Otto MÜLLER aus Halle die Sammlung Spröngerts im Museum Bad Frankenhausen vor dem Verfall rettete; Frau Weinert, Museum Badfrankenhausen, bestätigte auf Nachfrage am 14.09.2005 das Vorhandensein der Sammlung.


Lenthe, Max, geb. 08.06.1856 in Gotha, gest. 06.02.1924 in Gotha, tätig als Kaufmann in seiner Heimatstadt; die Sammlung befindet sich im Museum der Natur Gotha.


Liebmann, Moritz, geb. 04.02.1858 in Arnstadt, gest. 01.12.1920 in Arnstadt, Fabrikbesitzer und Kommerzienrat in seiner Heimatstadt; einen Nekrolog verfasste SPRÖNGERTS (1921); die Sammlung wurde in das Missionsmuseum St.Michael, Steyl bei Kaldenkirchen gegeben.



Petry, Prof. Dr Arthur, geb. 12.02.1858 in Tilleda am Kyffhäuser, gest. 03.03.1932 in Nordhausen, Professor und Studienrat am Gymnasium in Nordhausen; eine ausführliche Würdigung des über die Jahrzehnte führenden Microlepidopterologen auch über die Grenzen Thüringens hinaus nahm der damalige Landesvorsitzende des Thüringer Entomologenvereins Dr. Arno BERGMANN (1932) in seinen Nekrolog vor. Die Sammlung befindet sich im Museum der Natur Gotha.


Eigen, Peter, 25.05.1873 in Mettmann (Westfalen), gest. am 16.03.1848 in Hückeswagen (bei Remscheid); Mittelschullehrer von 1893-1910 in Solingen, 1910-1914 in Bleicherode, dann in Hückeswagen (Westfalen), nach den Angaben von BERGER (2001) befindet sich die Sammlung im Westfälischen Museum Münster.


Hockemeyer, Ernst, geb 21.04.1875 in Bad Rehburg bei Hanover, gest. 27.09.1964 in Meersburg am Bodensee, Apotheker in Großenbehringen bei Gotha, die Sammlung und ein Karteikartenkatalog mit Fund- und Zuchtdaten bewahrt das Museum der Natur Gotha auf, eine Würdigung seines entomologischen Wirkens nahm ROMMEL (1998, 2002) vor.


Beer, Curt, geb. 26.05.1883 in Erfurt, gest. 26.01.1946 in Erfurt, Versicherungsbeamter in seiner Heimatstadt, die Microlepodopteren wurden in die Sammlung Petry integriert und diese befindet sich im Museum der Natur Gotha.



Weitere bei RAPP (1936) nicht gesondert aufgeführte Mitarbeiter waren:



Habicht, Albert, geb. 24.05.1860 in Gotha, gest. 1942 in Gotha, Lehrer in Gräfenroda und Gotha, nach JOOST (1965) ging die Sammlung in den Besitz von Karl Ritter, Gera über.


Kreutzberger, Richard, Gotha, von Beruf Messerschmied, weitere persönliche Daten sind derzeit nicht bekannt, betätigte sich zwischen Jahren 1900-1030 um seine Heimatstadt entomologisch, seine Sammlung ging in den Besitz von Karl Ritter über, mit dieser zusammen dann zum DEI Eberswalde jetzt Müncheberg.


Müller, Georg, geb. 08.07.1864 in Wehnde, gest. 08.11.1946 in Kleinfurra, Lehrer in Kleinfurra, Landkreis Nordhausen, die Lepidopterensammlung befindet sich in der jetzigen Universität Erfurt als Rechtsnachfolger der Pädagogischen Hochschule Mühlhausen/Erfurt.

Anmerkungen zur Microlepidoperologie von RAPP:

Ihm gebührt das Verdienst, die Tagebuchaufzeichnungen von PETRY sowie die weiteren Veröffentlichungen zusammengefasst zu haben und in mühevoller Kleinarbeit zum Druck zu bringen. Es wurde so das Lebenswerk von PETRY vor der Vergessenheit bewahrt, da die im Vorwort zitierten Aufzeichnungen weder im Naturkundemuseum Erfurt noch im Museum der Natur Gotha auffindbar sind. Otto RAPP war Coleopterologe und beschäftigte sich selbst mit den Microlepidopteren außer in dieser Bearbeitung nicht. Durch nachfolgende Feststellungen soll die gewaltige Anstrengung (Erarbeitung der Karteikarten für jede einzelne Art, Standort: Museum der Natur Gotha, und die Veröffentlichung) nicht geschmälert werden.
Der von Otto RAPP (1936) gewählte Titel ist irreführend, da sich die verwendeten Fundortangaben keinesfalls nur auf Thüringen beschränkten. Es wurden die Angaben aus der Veröffentlichung der Microlepidopterenfauna von Naumburg/Saale des Goslarer Rechtsanwalts BAUER (1917) eingearbeitet, der zeitweise in der Domstadt lebte. Dieser arbeitete die Daten des Naumburger Lehrers ELKNER ein, der die Umgebung seiner Heimatstadt bis Bad Kösen besammelte. Das Gebiet um Naumburg gehörte bei allen Gebietsänderungen in der wechselvollen Geschichte niemals zu Thüringen. Diese gleiche Feststellung muss man auf die Fundortangaben von PETRY um die Lutherstadt Eisleben und dem Mannsfelder Land treffen.
Mit gleichem Erscheinungsjahr 1936 erschien neben der von RAPP herausgegebene Thüringenfauna auch die Schmetterlingsfauna des Harzes, die die ganze Ordnung der Lepidoptera abhandelte. RAPP wollte offensichtlich Wiederholungen vermeiden und somit fehlen in der Thüringen Fauna die Arten und Orte, die sich auf den thüringischen Teil des Harzes beziehen. Als Beispiel soll die gut kenntliche Eidophasia messingiella (Plutellidae) angeführt, die in der Harzfauna (S. 22) für die Nähe von Ilfeld aufgeführt wurde, aber in Thüringen nicht enthalten ist. Das gleiche trifft auf annutella, die zwar für in der Thüringenfauna für Naumburg (Sachsen-Anhalt S. 102) angegeben wurde, aber die Veröffentlichung in der Harzfauna (S. 22) für Ilfeld, Sophienhof, keine Erwähnung fand. Es stellte sich zwar bei vorbereitenden Arbeiten durch Gerrit FRIESE (1931-1990) heraus, dass es sich um eine Fehldetermination und Verwechslung mit incarnatella handelt.
Eine Prüfung der Sammlung durch PETRY erfolgte nicht, sondern die ihm vorgelegten Tiere notierte er sich und sind bei RAPP (1936) mit der Anmerkung vid. gekennzeichnet. Von HOCKEMEYER verwendete RAPP einen Zettelkatalog (Karteikarten), der sich im Museum der Natur Gotha befindet. Eine Prüfung der Sammelergebnisse konnte natürlich durch PETRY nicht mehr erfolgen, da er 1932 also einige Jahre vor der Veröffentlichung verstarb. So schlichen sich natürlich Determinationsfehler ein, die unter den damaligen Möglichkeiten der spärlichen Literatur, den Kommunikationsmöglichkeiten und der Nichtanwendung der Genitalpräparation verständlich sind. Das nachfolgende Beispiel soll dies demonstrieren. So verbargen sich unter der Nr. 242 Cacoecia (Clepsis) neglectana (Tortricidae) gleich zwei andere Arten. Unter diesem Sammlungsetikett steckten gleich drei Tiere. Es handelt sich nach Auffassung des Autors um die Cochylide hybridella und um zwei Individuen von sociana. Die neglectana besitzt nach dem Bestimmungswerk von RAZOWSKI (2001) ein gänzlich anderes Aussehen schon von der Flügelfärbung. Diese Angabe ist auch im Zettelkatalog von HOCKEMEYER enthalten. Diese Fehldetermination wurde dann von GAEDIKE (1990), GAEDIKE & HEINICKE (1999) und BUCHSBAUM (2000) übernommen, da offensichtlich das Sammlungsmaterial keiner Prüfung unterzogen wurde. Auch diese isoliert stehende Angabe für Thüringen führte nicht zu einer kritischen Fragestellung. Eine Aufarbeitung kann nur familienweise mit dem Sammlungsmaterial geschehen. Durch diese am Schreibtisch mit großem persönlichen Zeitaufwand erstellte Checkliste von Buchsbaum (2000) wurde für die Faunistik der Kleinschmetterlinge mehr Schaden angerichtet als Nutzen erzielt, da auch noch eine Reihe anderer Fehler zu verzeichnen sind.


2.4 Zeitabschnitt 1946-1995

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer Phase der individuellen Beschäftigung erst nach dem Aufruf von Gerrit FRIESE (1966) als Ergebnis eines am 03.05.1964 durchgeführten Kolloquiums des Deutschen Entomologischen Institus zur Förderung der Arbeiten über die Systematik und Faunistik der Microlepidopteren in den Grenzen der ehemaligen DDR zu einer gezielten Zusammenarbeit. Aus diesem Kolloquium entwickelte sich Arbeitskreis Microlepidoptera unter dem Dach des Kulturbundes der DDR und der oben genannten Forschungseinrichtung. Als Ergebnis entstanden unter unterschiedlicher Autorenschaft die verdienstvolle Reihe "Fauna der DDR" in der drei Thüringer Bezirke Erfurt, Gera, Suhl mit einbezogen waren. Durch die Autoren wurde das in zahlreiche Museen zerstreute Sammlungsmaterial revidiert und somit einer Prüfung unterzogen. Leider konnten nicht alle Kleinschmetterlingsfamilien bearbeitet und zur Veröffentlichung gebracht werden. In diese Beiträge flossen Angaben nachfolgender Entomologen ein:

Müller, Otto, Halle, geb. 03.08.1894 in Zürich, gest. 28.03.1984 in Halle, Beruf Bauingenieur, besammelte das Kyffhäusergebiet und wärend Urlaubsaufenthalten den Thüringer Wald, nach KLAUSNITZER (1984) kam die 1.900 Groß- und 2.000 Kleinschmetterlingsarten umfassende Sammlung in das Museum für Naturkunde in Berlin.

M. Nicolaus (Foto)
Max Nicolaus

Dr. H. Steuer (Foto)
Dr. Helmut Steuer
Nicolaus, Max, geb. 07.02.1883 in Ronneburg, von Beruf Maurer, er sammelte alle Insektenordnungen so auch Kleinschmetterlinge, nach RITTER (1962) kam die Sammlung in das Naturkundemuseum Gera.

Ritter, Karl, Gera, geb. 23.07.1909 in Gera, gest. 18.09.1998 in Gera, Großhandelskaufmann, nach HEINICKE (2001) übergab Karl Ritter seine Kleinschmetterlingssammlung mit ca. 10.000 Exemplaren dem Deutschen Entomologischen Institut, jetzt Müncheberg ansässig. Diese Sammlung enthielt nach den Aufschreibungen von FRIESE, Eberswalde, die coll. HABICHT, Gotha. Eine Dubletten-Kleinschmetterlingssammlung mit ca. 2.700 Exemplaren übergab er 1998 dem Museum für Naturkunde Gotha.

Steuer, Dr. Helmut, Bad Blankenburg, geb. 28.06.1911 in Crossen/Elster. Eine weitere Sternstunde für die Entomofaunistik in Thüringen stellt das Wirken des in Bad Blankenburg ansässigen Arztes Dr. Helmut STEUER dar, der seit ca. 1960 sich mit den Kleinschmetterlingsfamilien im Umkreis seines Wohnortes beschäftigte. Bis zum Erscheinen seines verdienstvollen Werkes über die Schmetterlingsfauna um Bad Blankenburg (Thüringen) im Jahr 1995 stellter er ca. 1300 Kleinschmetterlingsarten fest. Die korrekte Determination wurde durch eine Vielzahl von Genitalpräparaten abgesichert. Außerdem ließ er schwierige Artengruppen durch die jeweiligen Familienspezialisten in Europa untersuchen. Unübertroffen die eigene Artkenntnisse über die bei uns vorkommende Arten, die auf vielen Tagungen bei Determinationen zu konstantieren war. Die Bedeutung von STEUER manifestiert sich in vielen Ehrungen und Auszeichnungen wie Ehrenbürger seiner Heimatstadt oder Ehrenmitglied des Thüringer Entomologenvereins. Die vieleicht umfangreichste Würdigung wurde vom MÖLLER (2003) in den Rudolstädter Schriften veröffentlicht.

In die Nachkriegszeit fällt auch die Tätigkeit des Minen- und Gallenspezialisten Dr. Hubert BUHR, dessen Institut zur Kartoffelkäferbekämpfung in der Zeit des zweiten Weltkriegs nach Mühlhausen verlegt wurde und nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft als Wissenschaftler dort eine nicht bekannte Anzahl von Zuchten mit eingetragenen Pflanzen durchführte, aus denen natürlich auch zahlreiche Microlepidopteren schlüpften.

Adolf Frank (Foto)
Adolf Frank
Wilhelm Martini (Foto)
Wilhelm Martini
Richard Elkner (Foto)
Richard Elkner
Peter Eigen (Foto)
Peter Eigen
Moritz Liebmann (Foto)
Moritz Liebmann
Erich Bauer (Foto)
Erich Bauer

Buhr, Dr. Herbert, geb. 22.02.1902 in Teterow (Mecklenburg), gest. 20.05.1968 in Mühlhausen (Thüringen), promovierter Biologe, die Kleinschmetterlinge schickte er zur Determination an Prof. E. M. HERING nach Berlin, die auch dann dort im Museum der Naturkunde verblieben; eine eigene Sammlung existiert nach Angaben seines Sohnes nicht; Würdigungen seines Lebenswerks nahmen HAASE (1968), ROLFIEHN (1969) und ROMMEL (2002) vor.


2.5 Zeitabschnitt 1996-2005

Eine Gesamtbearbeitung der Kleinschmetterlinge Thüringens erfolgte auch nach der politischen Wende und dem Wiedererstehen des Landes 1990 nicht. Leider gelang auch kein Wiederaufbau einer digitalen faunistischen Funddatensammlung für ganz Thüringen. Auch die Aufnahme der korrekten Funddaten der Sammlung STEUER scheiterte bisher an personellen und materiellen Absicherung und wird nach einem Standortwechsel nach Berlin unmöglich werden. Dringend bedarf es einer familienweisen landesweiten Bearbeitung für die zur Zeit niemand zur Verfügung steht. Für die Ära nach STEUER bemühen einige wenige auf dem schwierigen Feld der Mircolepidopterologie wie der Langenfelder (bei Bad Salzungen) Uwe BÜCHNER, Frank ROICK jetzt in Gera wohnend und sowie der Autor. Der früher in Bad Blankenburg beheimatete Dieter HAUSSENBLASS lebt indessen in Stuttgart, er arbeitete in seinem Heimatort mit Dr. Steuer zusammen. Wesentliche Impulse für die Faunistik der Kleinschmetterlinge in Thüringen gehen von den deutschlandweit arbeitenden gleichnamigen Arbeitskreis aus. Die alljährlichen Treffen dienen der Wissensvermittlung, der Determination von schwierigen Arten und des persönlichen Kennenlernens der Entomologen.
Zu der Checkliste Thüringer Lepidopteren und deren Corrigenda von dem Kranichfelder und jetzt in München beheimateten Ulf BUCHSBAUM (2000, 2001) wird auf die Aussagen im Abschnitt 2.3 hingewiesen. Auch die Rote Liste der Zünsler und Faulholzmotten (2001) von gleichen Autor basiert im Wesentlichen auf der Veröffentlichung von STEUER (1995) für das relativ kleine Gebiet um Bad Blankenburg. Eine einfache Projektion der dortigen Verhältnisse auf die gesamte Fläche des Freistaats Thüringen entspricht nicht den Ansprüchen für das Erarbeiten von Roten Listen auf Landesebene und die Einordnung von Arten in Gefährdungskategorien.


3. Fazit

Die Beschäftigung mit der Faunistik der Kleinschmetterlinge hat in Thüringen eine lange Tradition von der ersten Veröffentlichung im Jahre 1843 bis zum heutigen Tage. Sie wurde zu allen Zeiten bis auf die Ausnahme Herbert BUHR von ehrenamtlich tätigen Freizeitentomologen getragen, die in unermütlicher Kleinarbeit ohne materielle Zuwendungen sich mit der Faunistik und Systematik der Microlepidopteren auseiandersetzten und zum heutigen Wissenstand führten. Weder während des Bestehens der thüringischen Kleinstaaten, der Zugehörigkeit zum preußischen Königreich und der Weimarer Republik, dem Zeitabschnitt der braunen und roten Diktatur noch im jetzigen Freistaat Thüringen standen ausreichend Mittel für die Forschungseinrichtungen in den Universitäten, Hochschulen und Museen zur Verfügung, sodass die Bearbeitung dieser wissenschaftlichen Fachdisziplin auf dem Zufallsprinzip aufbaut. Heute besteht zusätzlich sogar noch die Gefahr, dass auf Grund materieller Engpässe selbst die adäquate Aufbewahrung und Pflege der Sammlungen in Museen in Frage gestellt ist. Die Verpflichtung des jeweiligen Staatswesens zur Bewahrung auch dieses Kulturgutes, den entomologischen Sammlungen, wird nicht in dem erforderlichen Maße wahrgenommen.


4. Danksagungen

Für die Unterstützung durch Frau Petra Beer vom Naturkundemuseum Erfurt und Herrn Ronald Bellstedt vom Museum der Natur Gotha bei den Recherchen zur Literatur und zu biographischen Daten der aufgeführten Personen möchte sich der Autor herzlich bedanken.


5.Literatur:

BAUER, E (1917): Beitrag zur Micrlepidopteren-Fauna von Naumburg a.S. Mitt. Ent. Ges. Halle/Saale, 11: 3-71

BÄHRMANN, R. (2004): Die Dipteren-Sammlung von Adolf FRANK im Pynetischen Museum zu Jena, Abh. Ber. Mus. Nat. Gotha, 23: 53-58

BERGER, M. (2001): Die Insektensammlungen im Westfälischen Museum für Naturkunde Münster und ihre Sammler Abh. Westf. Mus Naturkd. 63, 3: 41-43, Münster

BERGMANN, A. (1932): Professor Dr. Arthur Petry † als Naturforscher und Entomologe Int. Ent.Z. 26, 5: 53-59

BUCHSBAUM, U. & H. LÖBEL (2000): Checkliste der Lepidoptera Thüringens Check-Listen Thüringer Insekten und Spinnentiere, Teil 8

BUCHSBAUM, U. (2001): Checkliste der Lepidoptera Thüringens (CLT), Addenta et Corrigenda, I. Mitt. Thür. Entomologenverband 8, 1: 21-26

BUCHSBAUM, U. (2001): Rote Liste der Zünsler und Faulholzmotten (Lepidoptera: Pyralidae et Oecophoridae s.l.) Thüringens Naturschutzreport, 18: 243-247

BUCHSBAUM, U. (2001): Checkliste der Lepidoptera Thüringens (CLT), Addenta et Corrigenda, II. Checklisten Thüringer Insekten in Spinnentiere, Teil 9: 59-66

BUSCHENDORF, J. (1974): Wir stellen Fachgruppen im Kulturbund der DDR vor. 2. Die Fachgruppe Halle/Saale Ent. Ber. 18, 1: 51-53

FRIESE, G. (1966): Arbeitsmaterialien für Kleinschmetterlingssammler Ent. Ber. 10, 1:45

GAEDIKE, R. (1990): Beiträge zur Insektenfauna der DDR: Lepidoptera-Tortricidae (Tribus Archipini) Beitr. Ent. 40 (1): 63-111

GAEDIKE, R. & W. HEINICKE (1999): Verzeichnisse der Schmetterlinge Deutschlands (Entomofauna Germanica 3) Ent. Nachr. Ber. Beiheft 5: 147-166

GÖBEL, F. (1859): Systematisches Verzeichnis der um Sondershausen vorkommenden Schmetterlinge Progr. Fürstl. Schwarzb. Gynasium Sondershausen, 1-23

HAASE, J. (1968): Nachruf für Dr. habil. HERBERT BUHR Ent. Ber., 12, 2:93-95

HEINICKE, W. (2001): Neu im Museum für Naturkunde Gera: Die Insektensammlung KARL RITTER Veröff. Mus. Gera Naturwiss. R. 28: 133-141

HORN, W., I. KAHLE, G. FRIESE & R. GAEDIKE (1990): Collectiones entomolologicae Akad. Landwirtschaftswiss. DDR: 348

JOOST, W. (1965): Die entomologischen Sammlungen des Naturkundemuseums Gotha Abh. Ber. Mus. Nat. Gotha, 2: 79-96

KARSHOLT, O (1995): Kommentiertes Verzeichnis der Symmocidae, Blastbasidae und Geleciidae Ostdeutschlands (Lepidoptera) Beitr. Ent. 45, 1:137-154, Berlin

KEFERSTEIN, A. (1843): Verzeichnis der Schmetterlinge um Erfurt S.92-94 In: Horn, W.: Zur Charakterisierung der Stadt Erfurt, Erfurt

KEFERSTEIN, A. & A. WERNBURG (1860): Verzeichnis der Schmetterlinge in einem Umfang von zwei Stunden Jb. Kgl. Akad. gem. Wiss. Erfurt, 141-159

KLAUSNITZER, B. (1984): In memoriam Otto Müller (1894-1984) Ent. Nachr. Ber. 28, 4:184-185

KNAPP, F. (1887): Verzeichnis der Schmetterlinge Thüringens Stett. Ent. Ztg., 48: 363-400

KNORRE, D. v. (1983): Die zoologisch-paläontologischen Sammlungen des Phyletischen Museums, Friedrich-Schiller-Universität, S. 43

MARTINI, W. (1916): Verzeichnis Thüringer Falter aus den Familien Pyralidae-Micropterygidae, Dt. Ent. Z. Iris 30 (2/3):110-114

MARTINI, W. (1917): Verzeichnis Thüringer Falter aus den Familien Pyralidae-Micropterygidae, Dt. Ent. Z. Iris 30 (4):153-183

MÖLLER, L. (1854): Fauna Mulhusana. A. Lepidoptera (Glossata D.) Z. f. ges. Naturw., 3: 103-124, Halle

MÖLLER, R. (2003): HELMUT STEUER - ein Leben für die Schmetterlingsforschung Rudolstädter nat. hist. Schr. 11: 141-148

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PETRY, A. (1913): Wilhelm Martini ? D. E. Z. Iris 27: 142-144

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RAZOWSKI, J. (2001): Die Tortriciden (Lepidoptera, Tortricidae) Mitteleuropas Bratislava RAPP, O. (1936): Beiträge zur Fauna Thüringens 2. Microlepidoptera, Kleinschmetterlinge Selbstverlag, 240 S., Erfurt

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ROHLFIEN, K. (1969): Herbert Buhr Beitr. Ent., 19, 3/6: 686

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ROMMEL, R.-P. (2002): Biographien Nordwestthüringer Entomofaunisten Veröff. Naturk. Mus. Erfurt, 21: 69-82

SPRÖNGERTS, J.-R. (1921): Nachruf Liebmann, Arnstadt D. E. Z. Iris, 35: 52-53

SCHLÄGER, F. (1843-1847): Beiträge zur Lebensweise verschiedene Microlepidopteren Ber. lep. Tauschverein, 1843, 1844/45, 1848

STEUER, H. (1995): Die Schmetterlinge um Bad Blankenburg (Thüringen) Rudolstädter nat. hist. Schr., Suppl., 1-176, Rudolstadt



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